Mein Onkel, der Verschwörungshyper

Wenn das hier ein Youtube-Kanal der jüngeren Generation wäre, könnte ich zu einem “Follow me around: Family Edition” laden. So ist es eine kleine Rezension der Renitenz, vielleicht aber auch einfach nur eine Geschichte über einen Familienausflug. Mit kleiner Pointe, versprochen. Und ab und an einem Bild.

enten
Es gab Enten zu sehen. Entlich #krch

Nebenbei bemerkt — keine Ahnung eigentlich, ob man Persönliches (ständig) ins Internet kotzen sollte. Eventuell stellt sich irgendwann ein Emo-Bulemie-Effekt mit anschließend saurem Aufstoßen unterdrückter Komplexe und verniedlichter Traumata ein. #Blogorrhö. Wer will sowas schon liken. Aber heute ist mir mal danach. Tatsächlich hätte ich wohl genügend groteske Verwandtschaftsgeschichten auf Lager, um eine eigene Kategorie damit zu bauen. Vielleicht wäre sogar ein Blog mit vielen neurotisch verzweigten Unterkategorien möglich. Aber wer kennt das nicht? Jeder hat doch eine schrullige Tante, einen skurillen Onkel oder andere Anhängsel, bei denen man sich manchmal wundert, dass man mit jenen Menschen im gleichen Genpool schwimmt.

Der Pickel ist aufgeplatzt

Doch in diesen Tagen ist alles nur noch schlimmer. Kein Raum kann mehr unpolitisch sein, ob Internet oder Kaffeetisch bei Oma — alles wird zum Stammtisch der laut spuckenden Meinungen. Während man früher gegebenenfalls noch dezent die eine oder andere groteske Bemerkung über das Weltgeschehen überhören konnte, geht es jetzt nicht mehr. Es ist zu offensichtlich geworden, zu aggressiv, zu dumm. Weihnachten, Ostern, Geburtstage – das Flüchtlingsthema macht keine Pause vor idyllisch inszenierter Familiendramaturgie.

Innerhalb dieser Auseinandersetzungen kommt ans Tageslicht, was als Meinungsmitesser unter dick aufgetragener “Political Correctness” Schminkfassade zu einem ausgewachsenen Eiterpickel heranwachsen konnte und nun — fast mit Stolz — aufplatzen darf.  Und nein, um diese bildlich schmutzige Wortwahl komme ich hierbei nicht vorbei. Schon mal gar nicht, nachdem sich das Meinungsbarometer im Brennglas deutscher Familienverhätnisse nun auch in zweistelligen Wahlerfolgen der AfD bei den bisherigen Landtagswahlen niederschlagen konnte.

Zum Ausgleich ein Natur-Bild.

frühlingswehrwachen
Frühlingswehrwachen

Das Wetter ist schuld

An diesem sonnigen Wochenendtag also war es wieder soweit. Im Restaurant inmitten der verglitzerten Naturkulisse Brandenburgs kam man zusammen. Um zu essen, zu reden, zu schweigen. Und natürlich durfte zum Tagesangebot auf der Speisekarte auch nicht die Tagespolitik als Gesprächsstoff fehlen. Dabei fing alles ganz banal an. Das Wetter war wieder schuld.

“Das Wetter hat der alte Bayer genauso hervorgesagt. Und den Flüchtlingsstrom auch. Wir sind nicht mehr weit vom dritten Weltkrieg entfernt.”

Ups. Wetter — Flüchtlinge — Weltkrieg. Für jemanden, der an Verschwörungstheorien á la Kopp Verlag glaubt, ist diese Herleitung alles andere als merkwürdig. Mein Onkel (Name der Redaktion geändert) zitiert gerne aus fragwürdigen Quellen. Und sein aktuelles Lieblingsorakel hört auf den Namen Alois Irlmaier.  Ein in der Mitte des 20. Jahrhunderts verstorbener Brunnenbauer, der in der Chimärenwelt neurechter Apokalyptiker, wahnwichtelnder Esoterikprofis und Atlantis-Exilanten wie ein doper Prophet gefeiert wird. Nostradamus und Baba Wanga können einpacken.

Erst kommen die Muslime. Und dann der Russe. Wallah, Alter.

ostig shop

Ok. Wo soll man da ansetzen? Vor allem, wenn eine fliegende Überleitung von diesen Thesen zu den “frauenbegrabschenden Muselmännern” und den “Untergang unserer Kultur (™)” auf dem Fuße folgt.

Ich fühlte mich wieder wie in einer Jeopardy-Show, in der irrsinnige Zitate und Argumente durcheinandergerufen werden und mein wütendes Hauen auf den ampelroten Buzzer keine Unterbrechung bringt. Der Weltkrieg in der Familie ist ein Wortgefecht mit plump ballernden Waffen.

Doch dann fange ich mich, lasse kurz die angespannte Halsmuskulatur knacksen und lege mit einem simplen Gebot los: Du sollst nicht pauschalisieren.

Das funktioniert meistens schon, weil keiner ein böser, pauschalisierender, schubladendenkender Mensch sein will. Das sind ja eh die anderen. Und außerdem hat man ja selbst auch diese Patenschaft für das Mädchen in Bangladesch. Man hat also auch nichts gegen Ausländer. Und gegen Flüchtlinge ja auch nicht. Die sollen nur nicht alle herkommen. Man bedenke doch bitte den drohenden Weltkrieg.

“Und sowieso der Amerikaner ...”

Mein Prophet heißt Jackson, Michael Jackson, ich plädiere an den “Man in the mirror”. Ja, vielleicht könnten die Amerikaner auch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Ist aber an sich erstmal egal, weil man bei sich selbst anfangen muss. Auch Weltkriege beginnen mit Rechthaberei und Fingerzeig auf den immer Anderen. Wie wäre es mit unserer Verwantwortung? Wirtschaftspolitik, Waffenpolitik?

Im ganzen aber taste ich mich — blutdrucksenkend und diplomatisch wie ein Buddha-Padawan — an den Kern heran, der immer nur wieder darauf hinausläuft, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß, nicht nur Russe und Amerikaner, nicht nur Moslem oder Christ ist. Eine vielseitige Welt mit vielen, feinen Grautönen, die uns kein vom Kopp Verlag gehypter Hellseher so malen kann, wie sie wirklich ist. Aber von Graustufen haben die lieben Verwandten wahrscheinlich nur in Form von “50 Shades of Grey” etwas erahnt. Und mein Onkel, der Verschwörer, malt sowieso gerne mit breitem Pinsel. So ist das Weltbild auch fix gezeichnet.

“Dann nimm du doch selbst einen Flüchtling auf!”

Und dann war er wieder da. Der Argumentmoment, auf den ich noch gewartet hatte. Das wütende und mürrische “mach-du-doch-mal”. Ich hätte darauf hinweisen können, dass ich in der Flüchtlingshilfe aktiv bin (macht eh keinen Unterschied, man gilt mittlerweile eher als “naiv”, wenn man hilft). Ich hätte ebenso anklagend antworten können, dass mein Gegenüber, Bewohner eines Hauses mit luxuriöser Fläche und Ausstattung, wahrscheinlich mindestens zwei flüchtende Großfamilien bei sich aufnehmen könnte. Aber auch das wäre nur ein weiterer Teil des Verbal-Boomerang-Spiels gewesen und wahrscheinlich hätte ich noch beim Stichwort “Großfamilie” einen neuen Anti-Muslime-Besorgtbürger Chatfpfad aufgemacht. Also beließ ich es dabei, zu erwähnen, dass man auch einfach mal so eine humanitäre, menschliche, solidarische Haltung ohne Umschweife und apokalyptische Ausflüchte einnehmen könne. Denn Verschwörungstheorien bergen bei aller Lächerlichkeit die mentalitätsergreifende Gefahr einer depressiven Weltlethargie. Was soll man selbst schon noch “Gutes” ausrichten können, wenn Aliens/Illuminaten/der zionistische Bankenkomplex die Weltfäden in den Händen halten, das Schicksal durch Untergangsprognosen besiegelt ist.

Was blieb, war eine letzte Order. Die Rechnung. Und als wir sie bezahlt hatten, war ich froh, dem unendlichen Verbalkonglomerat des familiären Mittagstischs entfliehen zu können.

kein blatt vor den mundBeim Gang zur Garderobe beäugte mich ein weißhaariges Trio vom Nebentisch. Ok, schon klar. Wir waren wohl wirklich etwas laut gewesen. Und da meine krampfhaft meditativ zusammengesogene Durchhaltelaune schon eine halbe Stunde zuvor aufgezehrt war, beäugte ich nur entnervt zurück. Doch ein Mitglied des Weißkopfadlertischs ging mir sogar hinterher.

In Erwartung, noch einen politischen Shitstorm (diesmal außerfamiliärer Art) abgreifen zu müssen, drehte ich mich beinahe schüchtern um, als die ältere Dame mich mit ihrem “Ich musste Ihnen jetzt mal hintergehen, junge Frau.” adressierte.

“Wir haben die Unterhaltung zwischen Ihnen und Ihrer Familie mitbekommen und ich muss Ihnen jetzt mal sagen, dass ...”

Ich schluckte ungeduldig.

“... ich es toll finde, was Sie gesagt haben. Ich war selbst Flüchtling, wir haben den Krieg erlebt und ich in letzter Zeit macht sich bei mir oft eine Gänsehaut breit, wenn ich höre, wie über Flüchtlinge und Ausländer geredet wird.” Ich brachte ein erstauntes Danke heraus und fühlte wieder so etwas wie Wärme an diesem kalten Tag.

“Es ist wichtig, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Bleiben Sie so.”

Ihre lebensvollen Lachfalten dehnten sich in freundliche Bogen. Wir verabschiedeten uns in diesem einen gewissen Moment der Vertrautheit zwischen Fremden. Als sie wieder zu ihrem Tisch ging, fühlte ich beinahe den Impuls, hinterherzugehen und mich dazuzusetzen. Zu diesen mentalen Wahlverwandten, die mir mit ihren Ansichten über die Welt und ihre Bewohner viel näher zu stehen scheinen als die gute alte Blutsverwandtschaft. Und deren Lebensweisheit ich viel wichtiger nehme als irgendwelche Dunkelseherqualitäten politischer Propheten.

Dennoch bleiben da immer noch die echten Verwandten. Mit den kruden Meinungen und den andersgearteten Weltsichten. Und auch wenn es manchmal schwer fällt, nervt, wütend macht, unsinnig erscheint, weil irgendein Onkel immer so seine merkwürdigen Ansichten hat, lohnt es sich, dagegen zu halten. Man hat ja auch irgendwie keine andere Wahl.

True Story. Ich sage tschüssi mit einem gedanklichen Prosit auf Wahlverwandtschaften. Und auf den Weltfrieden. #gutmenschgrussahoi

 

 

2 Comments

  1. Ich find dein Onkel hat recht und die Alte unrecht! WIE KANN MAN NUR DIE FLÜCHTLINGE UNTERSTÜTZEN?!?! Die nehmen uns unserer Arbeit und wohnen auf Kosten der Sozialhilfe?!? Die kassieren eh dopelt und dann sowas!! Dein Onkel hat doch nur Deutschlanf und seine Kinder! im Auge. Aber du willst die Alten auf deinee Seite...typisch. Die Alten haben keine Auhnung! Deshalb sind sie ja alt! Sonst wären sie schließlich auch gegen Merkel und ihr e Flüchtlingspolitik!!!
    Auch die andern Atikel sind immer langweilig. Nur Meinung ohne Sinn! Auch mal ehrlich sein: in Köln haben junge AUSLÄNDER die Frauen angegriffen uns sie vergewaltigt und du willst immer nur mehr hier haben?!?!? GEHTS NOCH?!?!?! #
    Heute deine Seite gefunden und ich werde sie nicht weiterempfehlen. Diese LINKE PROPAGANDA ist einfach nur murks 🙂 Lieben Grüß Mark

    1. Hey Marky markig, ich entschuldige mich für die verspätete Resonanz und danke für den aufschlussreichen Kommentar ... aber nu mal Butter bei die Fische — Onkelchen, ich weiß doch, dass du es bist. Bitte hör auf, mich im Internetz zu stalken, ist ja nicht so, als würden wir uns nicht eh schon jeden verdammten(!!!111!!!) Sonn- und Feiertag wieder an Ommas Kaffeetafel treffen, wo du mich dann wieder mit stummen, starren Blicken malträtierst, nur um dann wieder deinen Frust in meinen Kommentarspalten auskotzen zu können. Außerdem habe ich dir schon mal ans Herz gelegt, ENDLICH mal Nachhilfe in der deutschen Rechtschreibung in Anspruch zu nehmen (auch wenn du die RechtSschreibung ja insgesamt schon gut beherrschst) und der Duden, den ich dir geschenkt habe, liegt auch immer noch auf dem Klo (neben deinen peinlichen Pornoheften aus Ungarn und “Emanuelle in Afrika” (das einzig “Schwarze”, was für dich ja klar geht)). Bitte korrigiere dich und dann können wir vielleicht !!! nochmal miteinander ins Gespräch kommen. Grüße bitte Oma, Bernte und Uschi von mir, bis bald

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